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"Bezahltes Schreiben ist nicht gleich Manipulation" – Interview mit Malte Landwehr über Wikipedia

Wikipedia-Manipulationen haben Hochkonjunktur. Unternehmen, Politiker oder Promis lassen Wikipedia-Einträge reihenweise manipulieren und bezahlen dafür gutes Geld an PR-Berater. Zumindest ist das der Eindruck, der diese Woche in Sendungen wie Monitor, Tagesschau24 und einigen anderen TV- und Radioformaten erzeugt wurde. Doch wie verbreitet sind solche Manipulationen wirklich? Kann man solche gefakten Stellen erkennen? Und wie kann man sich als Unternehmen davor schützen?

Dazu habe ich jemanden befragt, der es wissen muss: Online Repuation Manager Malte Landwehr. Er wurde in den Beiträgen als Experte befragt, denn er berät Unternehmen, die Informationen in Wikipedia unterbringen oder abändern wollen.

Online Reputation Manager Malte Landwehr

1. Das Thema „Wikipedia-Manipulation“ hat in den letzten Tagen hohe Wellen geschlagen, nicht zuletzt durch Beiträge im monitor und anderen TV-Magazinen. Wie verbreitet sind denn Manipulationen von Wikipedia-Einträgen wirklich? Kann man grundsätzlich den Informationen vertrauen?

Echte Manipulationen sind nicht weit verbreitet. Ich nutze die Wikipedia sehr regelmäßig und vertraue den Informationen grundsätzlich. Ich kann es natürlich nicht beweisen, vermute aber, dass deutlich unter 0,1% aller Artikel ernsthaft manipuliert sind.

Außerdem hat der Großteil der geschönten Artikel kaum Besucher. Wenn niemand eine Information sieht, kann eine etwaige Manipulation auch niemandem auffallen ;-). Der seit der Monitor-Reportage vieldiskutierte Artikel zum Schwedenhaus ist in der Zeit vom September bis Dezember 2013 lediglich 8 bis 54-mal am Tag aufgerufen worden. Und davon dürfte ein Großteil auf Bots entfallen. Zum Vergleich: Der Artikel zu Berlin wird mehrere tausendmal jeden Tag aufgerufen.

Natürlich gilt wie bei jeder (!) Informationsquelle, dass man alles immer hinterfragen sollte. Zu vielen Sachverhalten gibt es leider nicht „die Wahrheit“, sondern verschiedenen Perspektiven. Wer Informationen nicht hinterfragt, sondern blind vertraut, ist ein Schaf ohne Medienkompetenz. Eine gewisse Prise Misstrauen gehört immer dazu.

Wichtig ist auch, sich klar zu machen, dass die folgende Gleichung nicht gilt:

Bezahltes Schreiben = Manipulation

Es gibt viele Gründe, einen bezahlten Schreiber zu engagieren. Zum Beispiel wenn ein Unternehmen die Wikipedia nicht versteht und nicht mal relevante Fakten wie die Mitarbeiterzahl richtigstellen kann.

Auf der anderen Seite gibt es auch Manipulation, für die nicht bezahlt wird. Bei quasi jedem brisanten Thema gibt es Menschen, die von verschiedenen „Wahrheiten“ überzeugt sind. Es gibt also auch Menschen, die die Wikipedia nach bestem Wissen und Gewissen editieren, faktisch aber daneben liegen.

2. Wie kann man denn als User erkennen, ob eine Information manipuliert wurde. Kann man das überhaupt?

Ob beim Autor eine Absicht zur Manipulation oder Unwissenheit vorliegt, ist für den Leser egal. Relevant ist die Frage ob eine Information korrekt ist oder nicht. Da hilft es, bei einer Google-Suche auch mal mehr als nur den auf Platz 1 gelisteten Wikipedia-Artikel anzuklicken und sich Informationen aus mehreren Quellen zu besorgen.
Bezüglich der Manipulation: Mit der Ansicht „Versionsunterschied“ kann jeder Nutzer nachvollziehen, wer welche Änderung eingefügt hat.

wikipedia-versionsunterschied

In diesem Versionsunterschied hat ein Nutzer mit der IP 80.187.96.33 die Information zum Yahoo CEO im entsprechenden Wikipedia-Artikel aktualisiert. Gelöscht Informationen sind gelb markiert, neue Inhalte sind blau. [1]

Bei nicht-angemeldeten Benutzern hat man direkt die IP-Adresse (siehe obige Abbildung). Falls ein privater Internetanschluss verwendet oder die IP über einen Proxy oder ein VPN verschleiert worden ist, hilft dies natürlich nur bedingt weiter.

Im Beispiel der obigen Abbildung können wir das Whois Tool von heise benutzen und bekommen folgendes Ergebnis:

ip-whois

Eine Whois-Abfrage verrät lediglich, dass die IP 80.187.96.33 von einem Telekom-Kunden genutzt wurde.

Falls ein angemeldeter Benutzer die Bearbeitung durchgeführt hat, sieht der Versionsunterschied so aus:

wikipedia-manipulation

Die (noch nicht gesichtete) Bearbeitung ist vom Nutzer EuropartnerSolar durchgeführt worden. [2]

An der roten Schrift ist bereits zu erkennen, dass der Nutzer keine Profilseite mit Informationen pflegt. Mit einem Klick auf den Link „Beiträge“ lässt sich nur feststellen, dass der entsprechende Nutzer keine weiteren Bearbeitungen in der Wikipedia durchgeführt hat.

3. Gibt es Branchen oder Unternehmenstypen, die besonders häufig Manipulationen „buchen“? Und worum geht es dabei normalerweise?

Personen aus der Politik haben 2013 sehr häufig ihr Interesse bekundet. Allerdings war 2013 auch ein Wahljahr. Weitere Branchen-Trends kann ich nicht erkennen.

Über 90% meiner Kunden sind Unternehmen oder Personen, die gerne einen Artikel über sich selbst hätten oder SEOs, die in der Wikipedia einen Backlink abstauben wollen. Dabei geht es eher um das Belegen von Relevanz und das Schreiben von Wikipedia-tauglichen Texten als um Manipulation.

4. Was kann man denn als Unternehmen machen, wenn der eigene Eintrag offensichtlich von böswilligen und/oder konkurrierenden Unternehmen manipuliert wird? Kann man sich irgendwie wehren?

Zunächst sollte man sich einen verifizierten Account zulegen und damit anschließend an der Diskussion zum Artikel teilnehmen. Mit etwas Glück nehmen dann bereits genug neutrale Nutzer an der Diskussion teil und die Manipulation wird durch das Admin-Team unterbunden.

Falls das nicht reicht, bietet Wikipedia die Möglichkeit, eine Dritte Meinung einzuholen. Damit wird die Community auf die Diskussion aufmerksam gemacht. Spätestens dann sollte sich die Situation klären lassen.

wikipedia-versionsgeschichte

Die Versionsgeschichte des Wikipedia-Artikels zu Google. [3]

Alternativ ist es auch möglich über die Versionsgeschichte des Artikels nach einem Wikipedia-Mitglied zu suchen, dass

  • am Artikel mitgewirkt hat
  • sehr aktiv und erfahren ist
  • kürzlich erst Bearbeitungen vorgenommen hat

Dieses Mitglied kann man dann über einen Kommentar auf seiner Profilseite darum bitten, sich die Sache einmal mit neutralen Augen anzuschauen.

5. Die Wikipedia-Admins bzw. ihr Verhalten sind im Netz nicht ganz unumstritten. Wie erlebst du die Community dort?

Die Admins arbeiten dort unentgeltlich in ihrer Freizeit. Dafür haben sie viel Lob und Respekt verdient. Das gleiche gilt für die aktiven Autoren. Natürlich gibt es, wie in jeder Community, auch fehlgeleitete Menschen, die einem oft das Leben schwer machen.

Ich betreibe zum Beispiel eine Website zu einem Nischen-Computerspiel, von der ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass sie DIE deutschsprachige Ressource zum Thema ist. Das Portal wurde sogar vom Hersteller des Spiels als Quelle für Informationen in deutscher Sprache empfohlen und Teile der deutschen Nationalmannschaft sind dort aktiv. Unsere Simulatoren zum Spiel wurden unter anderem in der spanischen Wikipedia verlinkt; übrigens ohne mein zutun. Nur in der deutschen Wikipedia wurde die Seite über Jahre hinweg immer wieder gelöscht weil es Editoren gibt, die der Meinung ist, dass eine auf WordPress laufende Seite immer ein Blog ist, Blogs immer privat sind und private Seiten keine guten Quellen sind. Hätte ich für das Content Management Joomla benutzt, würde das die Qualität der Inhalte natürlich nicht ändern!

Ähnlich krass sieht es die deutsche Wikipedia mit den Relevanzkriterien. Wenn ein deutsches Unternehmen, das primär in Deutschland aktiv ist, den Relevanzkriterien vieler europäischer Wikipedias entspricht aber nicht denen der deutschen, sagt das glaube ich schon alles.

Hinter vorgehaltener Hand werden dafür auch Begriffe wie Lösch-/Relevanz-Trolle und Wikipedia-Nazis verwendet…

Trotz dieser Kritik: Ohne die freiwilligen Helfer gäbe es die Wikipedia nicht und daher muss sich jeder mit den Querulanten der Community arrangieren.

6. Wie schätzt du die weitere Entwicklung der Wikipedia ein? Wird es sie in dieser Form in fünf Jahren noch geben und wenn ja, wie wird sie beschaffen sein?

Eine Möglichkeit wäre eine strengere Verifikation von Benutzern, um Sockenpuppen zu verhindern. Allerdings wird jede Hemmschwelle auch in weniger freiwilligen Helfern resultieren. Die nächsten paar Jahre wird sich die Wikipedia als verlässliche und umfangreiche Informationsquelle halten. Und falls sie irgendwann unbenutzbar wird (durch zu viel bezahlte PR oder durch zu wenige aktive Autoren) wird Google mit seiner (u.a. aus der Wikipedia gefütterten) Antwortmaschine so weit sein, dass wir keine Wikipedia mehr brauchen. Warum sonst sollte Google Wikipedias Experten für das Semantic Web abgeworben haben? 😉

Vielen Dank! Malte Landwehr ist über seine Website www.maltelandwehr.de zu erreichen.

Der Künstler und Suchmaschinenoptimierer Martin Mißfeldt hat das Thema Wikipedia-Manipulation ebenfalls aufgegriffen.

Quellenangaben zu den Screenshots
[1] http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Yahoo&diff=105666329&oldid=105658126
[2] http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Energiewende&diff=116992732&oldid=116767869
[3] http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Google&action=history

 



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Kommentare


Matthias 31. Januar 2014 um 20:26

„Da hilft es, bei einer Google-Suche auch mal mehr als nur den auf Platz 1 gelisteten Wikipedia-Artikel anzuklicken und sich Informationen aus mehreren Quellen zu besorgen.“ – Wenn ich also Plätze 2 bis im Optimalfall 10 besitze / kontrolliere könnte ich selbst Maltes (oder die anderer Autoren, Admins, Diskussionsbeteiligten) Meinung so manipulieren, das er mir dann den Wikipediaartikel zu meinem Vorteil ändert. – Nichts für ungut 🙂
Sehr interessantes Interview übrigens.

Antworten

Malte Landwehr 1. Februar 2014 um 10:21

Matthias, wenn du Platz 2-10 für jedes beliebige Keyword in Google kontrollieren würdest, könntest du auch DSDS, GNTM oder die Bundestagswahl manipulieren. Wikipedia wäre da nur Beiwerk.

Antworten

Lisa 9. Februar 2014 um 19:51

Sorry Malte, aber ich finde deine Darstellungsweise einseitig. Natürlich sind Sockenpuppen (also Mehrfachaccounts) ein Problem und ein Mittel zur Manipulation. Wesentlich effizienter und unauffälliger sind aber die vielen bandenartig agierenden Nutzer, die ihre flaschen Ideologien infiltrieren und nicht mittels Checkuser auffliegen können, da es eben keine „Sockenpuppen“ sind, sondern „Gleichgesinnte“. Ein anderes Problem hast du dagegen gut dargestellt: Niemand kann garantieren, dass die Admins integer sind und ihre Macht nicht missbrauchen. Die Wikipedia ist grundsätzlich elitär ausgerichtet. D.h. sobald einer etwas Intellekt beweist, wird er in den Himmel gelobt (ählich der Situation im Dritten Reich). So jemanden machen sie sehr schnell zum Admin. Nur, was ist das für ein Mensch?? Es gibt aber auch so einige Admins, die eher nicht sonderlich begabt sind. Die Wahlen sind völlig undemokratisch. Die User sind oft so unbedarft, dass sie bei Admin-Wahlen ohne die geringste Kenntnis der Person die Pro-Stimme geben.

Antworten

Oliver 9. Februar 2014 um 22:49

Das scheint mir doch eher tatsächlich eine Pseudo-PR-Geschichte zu sein… So geht Berichterstattung nicht!

Antworten

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