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Die Macht und Gefahr der sozialen Medien im Angesicht des Terrors

social-media-terrorWas wir am Freitag mit den Anschlägen in Paris erlebt haben, wird die Welt ähnlich prägen wie 9/11 oder die Attentate auf Charlie Hebdó. Doch dieses Mal wurde die Rolle der (sozialen) Medien bei Terroranschlägen und Katastrophen noch deutlicher – im Guten wie im Schlechten.

So grausam die Anschläge auch sind, so strategisch ausgefuchst wurden sie platziert – rings um das Stadion, während dort ein Fußballspiel lief, das in den bevölkerungsreichsten Ländern Europas live übertragen wurde. Damit war eine maximale mediale Öffentlichkeit sichergestellt. 80.000 Menschen mit Smartphones im Stadion, dass eine Massenpanik nicht aufkam, war pures Glück.

Vor allem die Social Media spielten an diesem Tag eine besondere Rolle.

Erste Live-Berichte auf Periscope

Wie schon bei der Flugzeug-Notlandung im Hudson River 2009 waren es nicht die traditionellen Medien, die zuerst über die Geschehnisse berichteten, sondern Social Media Nutzer. Damals war es Twitter, wo die Meldung sich verbreitete. Gestern stand vor allem die Live-Streaming-App Periscope im Mittelpunkt.

screenshot-periscope

Bereits kurz nach den ersten Explosionen verbreitete sich bei Twitter die Meldung über die Attentate in Paris. Ein Periscope-Nutzer streamte sehr zeitnah seine Eindrücke live ins Netz – inklusive Deckung suchen hinter einem Auto, Anweisungen der Polizei, Deckung zu suchen und vorbeirasende Polizeiwagen. Über Twitter wurde der Stream tausende Male geteilt.

Den Stream sahen in der Spitze über 35.000 Menschen live. Kommentatoren trugen ihrerseits Eindrücke und News bei, stellten Fragen und sendeten gute Wünsche. Schnell kamen zahlreiche weitere Streams dazu, so dass man sich Eindrücke aus ganz Paris verschaffen konnte.

periscope3

Allerdings zeigten sich hier vor allem zwei Probleme:

Erstens war zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, welche der Kommentare auf Fakten beruhten und was Missveständnis, Panik, Übertreibung oder Fantasie war. Hier liegt vielleicht das größte Risiko der Berichterstattung durch nicht journalistisch ausgebildete Personen vor Ort und der fehlenden Überprüfung angeblicher Fakten. Eine wilde Mischung aus Gehörtem, selbst Gesehenem, weitergegebenen Meldungen aus den Medien – kaum zu unterscheiden.

Zweitens ging Periscope relativ schnell in die Knie. Bereits nach ca. 30 Minuten Streaming war die App überlastet, war minutenlang überhaupt nicht erreichbar und auch danach immer wieder nur stockend nutzbar. Wo allerdings auch Handynetze zusammenbrechen, ist dieses Manko eher verständlich. periscope-down2

Geiseln posten live bei Facebook

Schockierender könnte es nicht sein: Einige Geiseln haben direkt aus der besetzten Diskothek Facebook-Posts abgesetzt. Eine Geisel berichtet, sie selbst sei verletzt, die Geiselnehmer würden einen nach dem anderen töten.

Auch hierin liegt eine Gefahr: Die Welt nimmt live am Geschehen teil, tatsächlich „mittendrin statt nur dabei“. Wo Terroristen früher Journalisten entführen mussten, um Medienabdeckung zu erlangen, sorgen die Geiseln heute selbst dafür. Das mag Terroristen anstacheln, denn ihnen geht es um möglichst große Wirkung, um die Verbreitung von Angst und Schrecken. Was erschreckt mehr als live mitzuverfolgen, wie Menschen gequält werden…

Gleichzeitig könnte in dieser Entwicklung eine Chance liegen. Polizei und Behörden könnten dadurch zu wertvollen Hinweisen aus dem Inneren einer Geiselnahme gelangen, die bei der Beendigung der Sitatuation helfen könnten. Fluch und Segen zugleich.

#PorteOuverte

Hier spielen die sozialen Netze ihre volle Stärke aus. Die Polizei empfahl, die Straßen zu räumen und sich zu Hause aufzuhalten. Ein Problem für alle, die weitere Wege vor sich haben, unter anderem auch 80.000 Fußball-Fans. Schnell verbreitete sich daher der Hashtag #PorteOuverte. Pariser konnten mit diesem Hashtag bei Twitter angeben, wo Menschen sichere Zuflucht finden konnten. Viele Bürger öffneten ihre Türen und nahmen Wildfremde bei sich zu Hause auf.   twitter-trending

Facebook-Seite: Freunde in Frankreich sicher?

Auch Facebook reagierte schnell und stellt ein überaus hilfreiches Tool zur Verfügung. Auf einer eigens dafür eingerichteten Seite können bersorgte Facebook-Nutzer überprüfen, welche ihrer Freunde sich gerade in Paris aufhalten. Diejenigen wieder können sich als „Safe“ markieren und damit ihren Freunden mitteilen, dass es ihnen gut geht. Eine extrem sinnvolle Aktion und ein großartiger Einsatz der Macht der sozialen Medien!

Sind Freunde von dir in #Paris und geht es ihnen gut? Hier kannst du das überprüfen. Ich hoffe, alle sind in Sicherheit!➡ https://www.facebook.com/safetycheck/paris_terror_attacks/

Posted by Felix Beilharz on Friday, November 13, 2015

Hilfe via Social Media

Neben dem gut gemeinten, aber letztendlich nutzlosen Hashtag #PrayForParis gab es zahlreiche Aktionen im Social Web, die tatsächlich weiterhalfen. Nicht nur die Freunde-Finden-Seite von Facebook und der Hashtag #PorteOuverte zählen dazu – zahlreiche Twitter-Nutzer posteten auch Bilder mit Adressen sämtlicher Botschaften, an die sich Hilfesuchende wenden konnten.

Live-Seite bei Wikipedia

Bereits nach etwa einer Stunde wurde eine Live-Seite bei Wikipedia zu den Anschlägen eingerichtet, die seitdem ständig mit den aktuellsten Infos befüllt wird. Auch hier wird die Stärke der sozialen Medien deutlich – das Zusammentragen von Informationen auf einer zentralen Plattform. Im Gegensatz zu den live geposteten Statusupdates kann hier auch von einer höheren Informationsqualität durch Überprüfung und Verifizierung ausgegangen werden.

wikipedia-anschlaege

Die Ereignisse des gestrigen Tages werden in die Geschichte eingehen. Ich hoffe, dass dadurch keine weitere Radikalisierung in irgend eine Richtung stattfindet, fürchte es aber doch.

In jedem Fall hat der Tag gezeigt, welche Rolle die sozialen Medien für unsere Gesellschaft spielen. Als Kanal für Information, Hilfe und Berichterstattung – aber auch für Missinformation, Verängstigung und im schlimmsten sogar zur Unterstützung der Ziele der Terroristen.

 



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Kommentare


Soziale Netzwerke – Der Terror von Paris – so emotional reagierte das Netz noch nie | 24 neusten Nachrichten 16. November 2015 um 2:35

[…] und kommentierten das Gesehene öffentlich. Der Social-Media-Berater Felix Beilharz machte in seinem Blog aber auch auf die Schattenseite aufmerksam: “Es war zu keinem Zeitpunkt zu erkennen, welche […]

Antworten

Alice 16. November 2015 um 8:48

Ich teile deine Meinung wenn es um die von dir aufgeführten positiven Aspekte geht absolut!
Ich muss auch aber auch betonen, dass die (sizialen) Medien, insbesondere Facebook, ihre Machtstellung missbrauchen zB indem dazu aufgerufen wird, das eigene Profilbild mit einem Tricolore-Filter zu belegen!

Versteh mich nicht falsch, ich bin entsetzt über die Geschehnisse in Paris, aber hier werden Menschenmassen manipuliert und vor allem instrumentalisiert. Wo war dieser Aufruf von Facebook zB bei den Anschlägen in Beirut (um nur eins von vielen Beidpielen für weltweite Terroranschläge der IS zu nennen).

Mit dieser Welle an Solidarität und Mitgefühl für die Opfer in Paris geben wir als Europäer, der "Westen" ein Bild in der Welt, welches ich besorgniserregend finde.

In den sozialen Medien liegt natürlich die Chance, die Möglichkeit sich weltweit zusammen zu tun, aber wieso immer nur dann, wenn Terroranschläge in Europa oder in den westlichen Staaten verübt werden?

Die Menschen folgen blind fast schon einer Ideoloie wie ich das fast bezeichnen möchte – ein vereintes Europa, der vereinte Westen, stattdessen müssten wir eine vereinte Welt sein und uns auch genau so solidarisch zeigen, wenn Menschen Terroranschlägen in anderen Teilen der Welt zum Opfer fallen!

Antworten

Lasst euch von der Timeline nicht verar… | Pflugblatt* (beta) 16. November 2015 um 10:01

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Katastrophe! Ausnahmezustand in sozialen Netzwerken | juna im netz 5. April 2016 um 15:07

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[…] Vernetzung nutzt Facebook seit einiger Zeit auch, um in Krisensituationen zu helfen. Bei Terroranschlägen, Umweltkatastrophen oder ähnlichen schlimmen Ereignissen fragen sich viele Menschen, ob die […]

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