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Wir brauchen verpflichtende Medienkompetenz-Trainings für die… Alten!

Disclaimer 1: Ich bin 36 und damit genau in der zwielichtigen Zwischenphase zwischen Jung und Alt. Ich kann mich über Jüngere lustig machen und über Ältere ärgern – oder andersrum. So richtig dazu gehöre ich momentan eh zu keiner Gruppe, also was soll‘s. Die jungen Generationen nehme ich oft genug aufs Korn. Jetzt kommt einmal die ältere dran. Bitte nehmt es mir nicht übel.
Disclaimer 2: Du bist über 30, 40 oder 50, aber durchaus kompetent im Umgang mit digitalen Medien? Prima, dann bist du hier nicht angesprochen.

Ich halte sehr viele Vorträge über die Generation Z. Dort gehe ich auch die Bedeutung ein, die zum Beispiel Influencer und Online-Bewertungen für die junge Generation haben. Und immer ernten die durchaus lustigen Beispiele dazu verständnisloses bis zustimmendes Lachen der Zuhörer, meist gestandene Unternehmer und Manager mittleren und gehobeneren Alters, die recht wenig direkten Kontakt zu Ninja, Gronkh, Bibi & Co. haben.

Wie doof diese Jugendlichen doch sind. Lassen sich von irgendeiner Schmink-Schickse auf Snapchat einen überteuerten Eyeliner aufschwatzen. Oder vom fesch frisierten Fitness-Futzi auf Facebook ein nutzloses Protein-Pülverchen.

Wissen die denn nicht, dass das die alle bezahlt werden? Und dass viele Online-Bewertungen gefälscht sind? Oh Mann, diese Jugend…

Meine (ernst gemeinte und nachdrückliche) Forderung nach mehr Medienkompetenz-Unterricht an Schulen stößt dann natürlich auch Zustimmung. Ist ja auch sinnvoll und richtig.

Aber jetzt sind wir doch mal ehrlich…

  • Wer klickt denn auf die ganzen Phishing-Links der angeblichen Sparkasse (bei der man bei genauerem Nachdenken ja nicht mal Kunde ist)?
  • Wer bestellt denn 99% der Potenz-Pillen über dubiose Massenmails?
  • Wer überweist denn dem Prinzen aus Nigeria die Anwaltskosten, damit das ungeheure Vermögen endlich aufs heimische Konto transferiert werden kann?
  • Wer schickt denn Natascha aus Russland die dringend nötigen 1.000€, damit sie ein Flugticket für das heiß ersehnte Kennenlernen am Ostseestrand kaufen kann?

Kevin? Finn? Justin? Wohl eher nicht. Hartmut? Manfred? Theodor? Vielleicht schon eher.

Medien- und vor allem Internetkompetenz ist nichts, was ausschließlich bei den jungen Generationen nötig ist! Auch und gerade die Älteren sollten sich dringend mal eingehend damit befassen.

Glaubst du nicht? Dann hier mal 3 konkrete Beispiele.

Die unsäglichen Widersprüche gegen die angeblich neuen Facebook-AGB

Jedes Jahr gibt es unumstößlich wiederkehrende Traditionen: der winterliche Weihnachtsbaum-Kauf, der Besuch des Badesees und die alljährliche Widerspruchs-Welle gegen die Facebook-AGB. Die ersten beiden kann man schön und erstrebenswert finde, die dritte ist einfach nur nervig.

Beobachte mal, wer in deinem Freundeskreis diesen Blödsinn teilt. Teenager? Wohl eher nicht, die sind ja nicht mehr auf Facebook.

Wenn du genau hinschaust, wirst du feststellen: Es sind fast ausschließlich Menschen über 30, eher über 40 und oft genug über 50.

Wie kann das sein? Glauben lebenserfahrene Menschen wirklich, dass sie ihre abgegebene Zustimmung zu den Allgemeinen Geschäftsbedingungen einer amerikanischen Plattform durch das Kopieren und Veröffentlichen eines Massenposts auf eben dieser Plattform widerrufen können?

Da fragt man sich doch: Wie sind diese Menschen die letzten 50 Jahre unbeschadet durchs Leben gekommen? Das sind Menschen, die ein Haus gebaut, eine Firma gegründet und Kinder großgezogen haben. Und die dann auf einen Fake hereinfallen, der durch 30 Sekunden Googeln entlarvt wäre.

„Mein Konto wurde gehackt“

Wie oft habe ich schon Nachrichten auf Facebook bekommen mit einem Inhalt wie „Wow, bist das du in diesem Video?? Ich konnte es nicht glauben! Schau dir das unbedingt mal an!“

Ja, ich gebe zu, das ist psychologisch clever gemacht. Dringlichkeit, persönliches Involvement, die Angst vor einer öffentlichen Blamage. Da werden alle Knöpfe gedrückt.

Medienkompetenz würde aber bedeuten, mal ganz kurz abzuwarten und nachzudenken. Das wäre generell eine gute Faustregel, bevor man auf irgendwelche Links klickt, die einem aus dem Nichts heraus dubios-sensationelle Enthüllungen versprechen.

Aber nein, es wird panisch draufgeklickt. Und schwupps, schon ist der Code aktiviert und der fleißige Klicker sendet die gleiche Nachricht an alle seine Kontakte weiter. And round and round it goes.

Weil das aber ganz schön peinlich ist und „Ich bin auf nen Fake-Bot-Link reingefallen“ einfach nicht so souverän klingt, wird dann lautstark „Mein Facebook-Konto wurde gehackt“ gepostet.

Nein, dein Konto wurde nicht gehackt. Du bist einfach nur zu neugierig in Kombination mit zu unbedarft und/oder zu unerfahren im Umgang mit den „neuen“ Medien. Sorry.

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Gleiches gilt übrigens auch, wenn dein Account plötzlich Ray Ban-Sonnenbrillen-Werbung macht. Klick halt nicht überall drauf!

Da hilft übrigens auch kein Leugnen :-D.

Aber woran erkennt man denn nun, worauf man klicken sollte und worauf nicht? Da gibt’s ein Stichwort: digitale Medienkompetenz.

Ach ja, da sich dieser Punkt auf Facebook bezieht, können wir wiederum sehr sicher sein, dass die Haupt-Opfer dieser „Hacker“ nicht Teenies sind, die zwischen Fortnite und Fidget Spinning (macht man das eigentlich noch?) mal eben ihre Statusmeldungen checken wollen. Überprüft solche Meldungen mal offen und ehrlich: die meisten Opfer sind deutlich jenseits der 30. Isso.

„Ich kann mich in fremde Handys einloggen“

Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Souveränität Menschen sich ihre eigenen Erklärungen zurechtlegen. So auch in diesem Fall, der mir aus dem Bekanntenkreis zugespielt wurde.

Der Protagonist ist ein Kriminalbeamter im Ruhestand, also eigentlich des kritischen Denkens geschult und mächtig. Die folgenden zwei Anekdoten zeigen aber, dass bei digitalen Medien mehr als die übliche Lebenserfahrung nötig ist – nämlich eine gute Portion Medienkompetenz.

Besagter Pensionär erzählte bei einem Treffen ganz stolz, dass er sehen könne, was auf dem Display des Anrufers los sei. Mir wurde dann aus dem Kreis der Anwesenden die Frage gestellt, wie denn das möglich sei.

Nun, eigentlich gar nicht. Mein Interesse war geweckt. Durch vorsichtiges Nachfragen fand ich heraus: Es handelte sich um ein Video-Telefonat. Und was der Protagonist sah, war einfach die Front-Kamera seines Telefonpartners. Klar sieht er das auf seinem Bildschirm. Da muss man erst mal draufkommen.

Ebendieser Protagonist lässt sich aber nicht so einfach von seinen Überzeugungen abbringen. Er könne auch den Akkustand des Gegenübers sehen, so ganz falsch liege er also wohl doch nicht. Auf die Frage, wie er denn das nun wieder schaffe, zeigte er mir siegessicher sein Smartphone. Bei Margret könne er das ganz leicht rausfinden…

Was ich damit sagen will

Diese Beispiele sind nur eine kleine Auswahl dessen, was die älteren Generationen mit den für sie oft so neuen digitalen Medien so erleben.

Die Tatsache, dass die meistgeteilten News auf Facebook regelmäßig 100%ige Fake-News sind, dürfte auch nicht die Jugend zu verantworten haben. Tatsächlich teilt die Generation Ü60 Fake News 7x häufiger als die jüngste Nutzergruppe auf Facebook…

Passwörter wie den Vornamen der Partnerin (kleingeschrieben) habe ich mehr als einmal im Familien- und Bekanntenkreis gesehen – nie aber bei jemandem unter 30.

All das soll, auch wenn es so klingt, kein Bashing sein. Zumindest nicht nur ;-). Nein, ich will damit sagen: Medienkompetenz geht alle an.

Ja, die Jugend hat viel Luft nach oben. Ja, Studien zeigen, dass viele Jugendliche Content nicht von Werbung unterscheiden können und sie allzu gern versteckten Werbeversprechen auf den Leim gehen.

Sich aber zufrieden und überlegen wähnend zurücklehnen – da sollten die Älteren aufpassen. Medienkompetenz kommt mit den Jahren, anders als Haare auf den Ohren und Fältchen um die Augen, nicht automatisch. Und Lebenserfahrung, beruflicher Erfolg und gesellschaftlicher Status sind da leider kein funktionierender Ersatz.

Mein kleiner Beitrag zur Medienkompetenz

Diese 5 Tipps helfen jeder Altersklasse. Sie müssten nur konsequent umgesetzt werden. Und ja, ich packe mir dabei auch an die eigene Nase.

  1. Durchatmen und innehalten. Das hilft, bevor du einen Link anklickst genauso wie bevor du einen geifernden Post über Bahnhofsmörder auf Facebook teilst. „Mausgerutscht“ ist keine Entschuldigung.
  2. Nachdenken. Ist der Artikel von einer vertrauenswürdigen Quelle? Passt das, was dort steht zu dem, was wir sonst so über die Welt wissen? Erscheint es dir vielleicht „wahrer“, nur weil es deiner bestehenden Meinung entspricht („confirmation bias“)? Kann die Mail überhaupt von der Bank sein, wo du doch gar nicht deren Kunde bist? Würde Mark Zuckerberg wirklich einen Dollar spenden, wenn du ein Bild teilst?
  3. Genau hinschauen. Ist der Absender wirklich der, der er zu sein vorgibt? Stimmt die E-Mail-Adresse mit der angezeigten Adresse im Adressfeld überein? Führt der Link beim Überfahren mit der Maus wirklich auf das Linkziel, das im Linktext steht? Stammt das Gewinnspiel wirklich von der Original-Facebook-Seite des Unternehmens?
  4. Recherchieren. Was passiert, wenn du einen Ausschnitt aus der Meldung/Nachricht/Artikel bei Google eingibst? Oder Schlagworte daraus ins Facebook-Suchfeld? Steht vielleicht schon etwas darüber bei Mimikama oder Snopes? Oder hier?
  5. Fragen. Kannst du dir eine Peinlichkeit (oder sogar ein signifikantes Sicherheitsrisiko) ersparen, wenn du jemanden fragst, der sich auskennt? Kannst du bei einem Experten, dem Verbraucherschutz oder dem Unternehmen selbst nachhören, ob es sich vielleicht um einen Fake handelt?


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Kommentare


Wolfgang Bönisch 7. August 2019 um 17:49

Da kann ich mich mit 60+ ja getrost zurücklehnen😅 Aber ich gebe Dir in allen Punkten Recht. Medienkompetenz geht alle an.

Antworten

Mehmet 8. August 2019 um 15:23

Ich finde, dieser Beitrag sollte vor jedem Besuch als PopUp Pflicht für Social Media zum lesen erscheinen. Es ist eine weitere Pflichtlektüre für Umgang mit dem Internet Zeugs.

Antworten

Joachim Herbert 22. September 2019 um 15:51

Uns weil Frauen die Kommunikations- und Medienkompetenz in die Wiege gelegt ist, sind auch die nicht gemeint. Sagt ein alter weisser Mann.

"Kevin? Finn? Justin? Wohl eher nicht. Hartmut? Manfred? Theodor? Vielleicht schon eher."

Antworten

J.Walter 24. September 2019 um 12:14

Felix!
Absolut geiler Content, der dem ein oder anderen die Augen öffnen sollte.
Ich werde diese Beitrag auf FB mit gutem Gewissen teilen.
LG, Jeremy

Antworten

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