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25 E-Bikes nicht zu gewinnen oder: Wie Lynchmobs und Shitstorms entstehen

Jetzt ist es soweit: ich durfte endlich am eigenen Leib erfahren, wie schnell man durch soziale Medien an den Pranger gestellt wird – völlig unschuldig. Genau so entstehen soziale Lynchmobs und Rufmordkampagnen.

Was war passiert?

Auf meiner Facebook-Seite kläre ich seit mindestens 5 Jahren über die ständigen Fake-Gewinnspiele auf Facebook auf (oder versuche es zumindest). Manche Posts wurden ziemlich viral, wie dieses Video zu einem vermeintlichen BMW-Gewinnspiel:

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Natürlich nicht annähernd so viral wie die Gewinnspiele selbst – das jüngste „Edeka Markt.“ Gewinnspiel hatte kurz vor seiner Löschung (nach 3 Tagen, wow Facebook!) knapp 380.000 Kommentare und über 160.000 Shares.

Am Sonntag, 19.04.2020 musste ich mir angesichts dieser unglaublichen Medieninkompetenz einfach mal wieder Luft machen und habe schnell dieses Meme gebastelt und gepostet:

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Und ab geht’s – leider ohne mich

Ein klassischer Schnellschuss. So schnell, dass ich ganz vergessen hab, mein Logo in das Meme zu integrieren. Nicht, dass das findige Zeitgenossen davon abhalten würde, ihr eigenes Logo drüberzukleben (selbst bereits erlebt), aber es wäre zumindest ein Hinweis auf den Absender gewesen.

Dass das Meme so abgeht, hätte ich aber auch nicht vermtuet. In Windeseile wurde es nicht nur auf meiner eigenen Fanpage geteilt (Reichweite mittlerweile über 60.000 Menschen), sondern auch zahlreich kopiert und verbreitet. Via Facebook und WhatsApp habe ich es ein paar Dutzend Mal gesehen oder erhalten.

Schließlich wurden natürlich auch die Kollegen von Mimikama (Folgebefehl!) auf das Sharepic aufmerksam und haben es, mit Hinweis auf einen unbekannten Urheber, selbst gepostet. Auch dort war die Reichweite nicht schlecht: über 8.000 Mal wurde der Post auf Facebook geteilt, über 2.000 Mal kommentiert.

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Aus meiner Followerschaft und Filterbubble kamen dann schnell die ersten Kommentare, dass ich doch der eigentliche Urheber des Memes bin. Danke euch an dieser Stelle, ihr seid 😍!

Tom von Mimikama, Ehrenmann der er ist, fügte also in seinen Meme-Post den Hinweis

„Quelle mittlerweile auch bekannt: https://facebook.com/felixbeilharz.de“

Darüber habe ich mich natürlich gefreut. Aber wie so oft – zu früh.

Jetzt wird’s plötzlich ernst

Für mich war damit eine lustige Story erlebt und abgehakt, bis ich plötzlich auf Facebook eine Nachricht an meine Fanpage bekam.

Uff, das hat gesessen. Ich bin schon des Öfteren mit Rechtsradikalen Wutbürgern und Verschwörungstheoretikern aneinander geraten, die sich ähnlich äußerten. Aber dieses Mal wusste ich wirklich nicht, wen ich jetzt wieder verärgert haben sollte.

Also fragte ich mal höflich nach.

Seine Antwort kam umgehend – brachte mir aber auch nicht viel mehr Klarheit.

Und jetzt kommt’s

Mit dieser Antwort hätte ich niemals gerechnet. Auf diese Idee wäre ich nicht gekommen – aber ich fürchte, unter einem bestimmten Blickwinkel ist sie gar nicht so abwegig.

Zack! Er hatte mich also als Quelle akzeptiert – allerdings nicht wie von Mimikama beabsichtigt als Quelle des Memes, sondern offenbar als Quelle des Fake-Gewinnspiels. Und damit war für ihn die Legitimation gegeben, meinen Namen zu verbreiten und mir einen waschechten Shitstorm auf den Hals zu hetzen.

Es hat tatsächlich ein paar Minuten gedauert, bis ich kapiert habe, was da passiert ist. Und vor allem, was da bedeutet.

Mach aus 25 Ebikes einen Kindermord und…

Bis hierhin ist die Geschichte ja ganz witzig. Aber denken wir das doch mal weiter.

Was, wenn der junge Mann mir keine freundliche Nachricht geschickt oder ich sie nicht rechtzeitig gesehen hätte.

Was, wenn er meinen Namen tatsächlich in diesem Kontext verbreitet hätte.

Was, wenn der aufgrund akuten E-Bike-Mangels enttäuschte Mob darauf aufgesprungen und die Kunde verbreitet hätte, dass der Typ, der hinter dem Fake-Gewinnspiel steckt, ich bin.

Was so ein Shitstorm bewirken kann (im Sinne von privater und geschäftlicher Rufschädigung) ist leicht auszumalen.

Aber denken wir das mal ein bisschen weiter.

Ein Kind wird entführt/ermordet. Im Internet taucht ein angebliches Foto des vermeintlichen Täters auf. Jemand meint, die Person zu erkennen und postet Namen und Anschrift auf Facebook.

Übrigens ist genau dieses Szenario keine Theorie, sondern schon mehrfach passiert.

Stell dir vor, es wäre DEIN Name und Foto, dass da plötzlich auf WhatsApp, Facebook und Co. zehntausendfach geteilt wird.

Steht der Mob morgen einfach vor deiner Tür? Geifernd, Schilder-hochhaltend, Mistgabeln reckend?

Oder ist dein Name ab jetzt einfach dauerhaft auf Google im Kontext des Kindermords auffindbar? Dein zukünftiger Arbeitgeber, der dich googelt, dein potenzieller Traumpartner (m/w/d), deine herzschwache Mutter? Die werden die Richtigstellung (die du zum Glück mangels physischem Wutmob noch erleben darfst) schon alle mitbekommen haben, oder?

Aber was ist, wenn da doch was dran war? Der hat die Nachbarskinder immer so komisch angeschaut, dem würd ich alles zutrauen…

Und alles nur, weil EINER dein Foto „erkannt“ und seine Entdeckung in die Welt posaunt hat.

Was will ich damit sagen?

Hast du dir solche Szenarien mal überlegt? Wie schnell das komplette Leben eines völlig unschuldigen Menschen zerstört werden kann, nur weil irgend jemand, den er/sie noch nie im Leben gesehen hat, irgend etwas falsch verstanden hat…

Ja, Medienkompetenz ist ein unglaublich wichtiger Faktor dabei. Aber auch einfach mal kurz wieder ein bisschen runterkommen, nochmal nachlesen, kurz nachdenken, vielleicht sogar jemanden dazu fragen – und DANN erst teilen, posten, kommentieren. Das würde schon so vieles verbessern.

Ich glaube übrigens wirklich, dass alle Social Networks eine 2-minütige Wartezeit einbauen sollten, bevor man einen Post wirklich absenden kann. Und ich bin ziemlich sicher, dass sich dadurch die ganze aufgeregte, aufgehetzte Stimmung um ein paar Grad runterkühlen würde. Bis dahin helfen vielleicht meine Tipps unten.

Wie ging die Geschichte aus?

Mimikama hat den Quellenhinweis deutlicher formuliert und mein Nachrichtenschreiber hat sich nach meiner Aufklärung Tausendmal entschuldigt. Ende gut, alles gut. Für dieses Mal.

Mein kleiner Beitrag zur Medienkompetenz

Wie an anderer Stelle schonmal geschrieben – diese 5 Tipps helfen, Fake News, Empörungsposts, Phishing-Mails und andere Fiesigkeiten des Internets zu bekämpfen. Sie müssten nur konsequent umgesetzt werden. Und ja, ich packe mir dabei auch an die eigene Nase.

  1. Durchatmen und innehalten. Das hilft, bevor du einen Link anklickst genauso wie bevor du einen geifernden Post über Bahnhofsmörder auf Facebook teilst. „Mausgerutscht“ ist keine Entschuldigung. Warte einfach kurz.
  2. Nachdenken. Ist der Artikel von einer vertrauenswürdigen Quelle? Hast du ihn richtig verstanden? Passt das, was dort steht zu dem, was wir sonst so über die Welt wissen? Erscheint es dir vielleicht „wahrer“, nur weil es deiner bestehenden Meinung entspricht („confirmation bias“)? Gibt es eine andere Sichtweise zu diesem Artikel, die du vielleicht übersiehst? Kann die Mail überhaupt von der Bank sein, wo du doch gar nicht deren Kunde bist? Würde Mark Zuckerberg wirklich einen Dollar spenden, wenn du ein Bild teilst?
  3. Genau hinschauen. Ist der Absender wirklich der, der er zu sein vorgibt? Stimmt die E-Mail-Adresse mit der angezeigten Adresse im Adressfeld überein? Führt der Link beim Überfahren mit der Maus wirklich auf das Linkziel, das im Linktext steht? Stammt das Gewinnspiel wirklich von der Original-Facebook-Seite des Unternehmens (blauer Haken, Impressum, etc.)?
  4. Recherchieren. Was passiert, wenn du einen Ausschnitt aus der Meldung/Nachricht/Artikel bei Google eingibst? Oder Schlagworte daraus ins Facebook-Suchfeld? Steht vielleicht schon etwas darüber bei Mimikama oder Snopes? Oder hier?
  5. Fragen. Kannst du dir eine Peinlichkeit (oder sogar ein signifikantes Sicherheitsrisiko) ersparen, wenn du jemanden fragst, der sich auskennt? Kannst du bei einem Experten, dem Verbraucherschutz oder dem Unternehmen selbst nachhören, ob es sich vielleicht um einen Fake handelt?

Übrigens: Wenn die genannten Dinge jemandem, den du (sehr?) gut kennst, schwerfallen: Mimikama bietet auch Workshops an.



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Kommentare


Andreas Neumann 21. April 2020 um 9:29

Danke für diesen wichtigen Artikel zur Medienkompetenz. Zusätzlich empfehle ich vor jedem Posting drei selbstkritische Fragen: 1. Ist es wirklich nötig, etwas zu sagen oder kann man es besser einfach so stehen lassen? 2. Ist es richtig, wahr und ehrlich was ich schreibe, habe ich es gewissenhaft geprüft? 3. Ist es freundlich und gewinnend formuliert oder kann man es noch netter sagen?

Antworten

Sabine 23. April 2020 um 9:36

Der Artikel ist wirklich sehr aufschlussreich. Herzlichen Dank dafür!
Ich habe letztes Jahr angefangen zu bloggen und die Überschrift einer meiner Artikel, hat auch über mich einen Shitstorm ausgelöst! Ohne den Text gelesen zu haben, wurde kommentiert und verglichen, so richtig unter der Gürtellinie… es ging um Kreuzfahrten… Für mich war das absolutes Neuland und ich konnte damals sehr schlecht damit umgehen. Dieser Teil von Social Media und meine Erfahrung, vor allem bei Facebook, macht keinen Spaß. Bei Instagram habe ich sowas noch nicht erlebt. Aber: auf keinen Fall unterkriegen lassen.

Antworten

Felix Beilharz 23. April 2020 um 19:48

Ja, bei Instagram ist sowas deutlich seltener, ist generell ein sehr viel positiveres Social Network. Weiterhin viel Erfolg!

Antworten

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